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Ein Gefühl von Zeit

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Ein Gefühl von Zeit
Gedanken zu Neujahr – am Hochfest der Gottesmutter Maria

Zwischen den Jahren spüren wir sie deutlicher als unterm Jahr: die Zeit. Und am Ende zählen wir Sekunden. Halten dann vielleicht wirklich auch eine Sekunde lang den Atem an und beginnen scheinbar in einem einzigen Atemzug -Punkt 12 Uhr- ein ganzes neues Jahr.

Die Zeit spüren… Ein Zeit-Gefühl haben wir wohl alle. Unser Sprachgebrauch zeigt, wie unterschiedlich wir mit dem,  was Zeit ist, umgehen. Manchmal vergeht sie nicht, scheint still zu stehen. Und manche versuchen, sie dann auch irgendwie zu vertreiben oder gar tot zu schlagen. Davor warnt Erich Kästner: „Denkt ans 5. Gebot: Schlagt eure Zeit nicht tot!“ Recht hat er! Zeit ist im wahrsten Sinn ein einmaliges Erlebnis und damit kostbar. Zeit totschlagen…? Meistens ist das aber gar nicht nötig. Denn allzu oft läuft uns die Zeit ja davon, vergeht wie im Flug, wenn wir sie genießen wollen… Oder sie zerrinnt uns zwischen den Fingern, wenn wir noch dringend Zeit bräuchten… Und bereits im nächsten Augenblick gehört sie schon zur Vergangenheit. Das war´s – aus und vorbei.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft
„Es war einmal…“ Dieser wehmütige Blick zurück ist ein Blick in die Vergangenheit. Vergangenheit ist erlebte Zeit, echte Lebenserfahrung. Und die ist immer kostbar. Manche Menschen geben nicht viel auf die Vergangenheit. Ich zähle mich nicht zu ihnen. Für mich ist die Vergangenheit ein wichtiges Nachschlagewerk meines Lebens. Und kostbarerer als jede Bibliothek. Denn sie ist lehrreich. Ja, es gibt sie: die „Universität des Lebens“. Gemachte Erfahrungen bilden einen reichen Erfahrungsschatz. Freilich leiden manche Menschen auch unter ihrer Vergangenheit. Manche werden geradezu von ihrer eigenen Vergangenheit verfolgt. Die Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Andere wiederum leben ganz gern in der Vergangenheit, haben sich im Gestern eingerichtet.

Aber da gibt es auch noch eine andere Zeit. Die Zeit, die kommt: die Zukunft. Auch hier gilt es, den richtigen Umgang zu finden. Manche brennen geradezu vor Neugier. Manche sind so zukunftsorientiert, dass sie immer dem neuesten Trend hinterher hecheln und dabei ganz außer Atem sind. Manche hingegen haben Angst vor der Zukunft… Zwischen ungebremstem Fortschrittsglauben und Zukunftsangst braucht es eine vertrauensvolle Erwartungsfreude, braucht es Zuversicht.

Vergangenheit und Zukunft. Beides gibt es. Lassen an der Jahreswende gehen, was vergehen darf. Aber behalten wir, was bleiben soll. Und erwarten wir zuversichtlich und vertrauensvoll das, was kommen mag.

In der Gegenwart
Die einzige Zeit, die wir wirklich haben, ist ohnehin allein die Gegenwart. Darauf kommt es dann auch wahrlich an: dass es uns gelingt, in der Gegenwart zu leben. Oft sind wir hin- und hergerissen zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Aber geht es nicht vor allem darum, dass wir in der Gegenwart – im Augenblick – leben! Aber welche Einstellungen helfen uns, dass dies gelingt? Achtsamkeit und Aufmerksamkeit – dem Leben gegenüber! Das war auch die Lebenseinstellung  Marias. Mit ihr beginnen wir heute ganz bewusst und aus gutem Grund das neue Jahr.

Maria war in den Augenblicken ihres Lebens immer voll da und ganz präsent. Im entscheidenden Moment hat sie „Ja“ gesagt. Ihre Erfahrungen, die sie mit Gott gemacht hat in ihrem noch so jungen Lebens, haben ihr Mut gemacht. Vertrauen war da. Und die Zukunft wurde eröffnet von der Zuversicht, dass die Gnade Gottes mit ihr sein wird. Als sie ihren zwölfjährigen Sohn nach langem Suchen wieder im Tempel findet, hört sie gut zu, um ihn zu verstehen, und sie bewahrt alles, was geschehen war, in ihrem Herzen. Auch die Hochzeit zu Kana ist ein wunderbarer Augenblick voll aufmerksamer Achtsamkeit. Hier werden wir durch Maria zu Hörenden. „Was er uns sagt, das tut!“ (Joh 2, 5) An diesen Rat sollten wir uns halten. Maria weiß dann auch, wann es Zeit ist, ihren Sohn gehen zu lassen. Und sie ist dann wieder ganz da, als ihr Sohn sie so dringend braucht, am Kreuz.

Maria legt uns die richtige Zeiteinstellung für ein gelingendes neues Jahr ans Herz: Ganz in der Gegenwart Gottes zu leben. Wenn es uns gelingt, in der Gegenwart zu leben, mit Gott zu leben, dann werden wir immer wieder auch Gott begegnen. Und spüren, dass wir vor seinem Angesicht stehen. Das schenkt uns eine weite, zeitlose Perspektive. Denn wir erahnen, dass alle Zeit, die ist, die war und die kommen wird, Zeit aus seiner Ewigkeit ist. Von Gott kommt letztlich doch alles. Und bei ihm geht schlussendlich auch nichts verloren. Das schenkt Vertrauen und Zuversicht. Und den richtigen Blick für den Augenblick.

Angelus Silesius hat es so wunderbar auf das Punkt gebracht: „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen, mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen. Der Augenblick ist mein, und nehm´ ich den in acht, so ist ER mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.“  Aus diesen Worten spricht die tiefe Gelassenheit eines gottverbundenen Lebens. Lassen wir gehen, was gehen darf. Schauen wir auf das, was kommt, und leben wir bewusst in der Gegenwart Gottes. Dann wird das Jahr 2020 seine Zeit mit uns.

Amen.

 

Guter Gott!
Im Vertrauen auf Dich beginnen wir den Weg hinein in ein Neues Jahr.

  • Dieses Jahr schenkt uns Zeit von Monaten. Sei besonders bei allen, die in diesen Monaten guter Hoffnung sind. Schenke ihnen eine behütete Schwangerschaft und eine glückliche Geburt.
  • Dieses Jahr schenkt uns viele Wochen. Schenke unseren Arbeitswochen Erfolg und lass uns in den Wochen der Ferien Erholung finden.
  • Dieses Jahr schenkt viele Stunden. Stunden der Lebensfreude. Vielleicht auch bange Stunden der Angst und schwere Stunden der Krankheit.
  • Dieses Jahr schenkt Leben. Schenke unserem Leben Zufriedenheit und damit ein gutes Stück Lebensglück.

Ehre sei dem Vater dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Wie im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit.

Amen.

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