Kritik gehört dazu!
Kritik gehört dazu!
Wie gehen wir mit Kritik um? Das ist schon eine interessante Frage. Kritik hat bekanntlich ja zwei Seiten: Manchmal kritisieren wir andere. Und manche kritisieren auch uns. Wie gerne kritisieren wir? Und wie gerne lassen wir uns kritisieren? Ich bin dankbar für jede ehrliche und konstruktive Kritik. Für mich ein Zeichen der Aufmerksamkeit.
Die Lesungen des heutigen Sonntags geben uns eine gute Anleitung, wie wir als Christen mit Kritik umgehen sollen, wenn unser Bruder -oder unsere Schwester- sündigt.
Eine Möglichkeit scheidet dabei von vornherein aus: sich nicht weiter darum zu kümmern. Nach dem Motto: „Was geht mich das an. Das ist nicht meine Sache.“ Schließlich handelt es sich ja um unseren Bruder, um unsere Schwester im Glauben. Kritik wird so zu einer Frage der Mitverantwortung, der Nächstenliebe. Seien wir darum aufmerksam füreinander.
Und ein zweites dürfte ebenso klar sein: Konflikte, Versagen, Sünde und Schuld gibt es auch unter Christen. Christen sollten aber versuchen, anders damit umzugehen. Und genau dabei will uns Jesus im heutigen Evangelium helfen:
Wenn jemand aus der Gemeinde auf den falschen Weg geraten ist, lass ihn nicht laufen! „Geh zu ihm hin und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Jesus empfiehlt ein persönliches Gespräch unter vier Augen. „Rede mit deinem Bruder und nicht über ihn.“ Wie oft geschieht das Gegenteil: Jemand hat mich verletzt und ich erzähle es einem Dritten, einem Vierten, einem Fünften. Aus einer Verletzung entsteht Gerede, aus Gerede entstehen Lager.
Jesus empfiehlt dagegen den direkten Weg, das klärende Gespräch. Wie sonst sollte sich denn sonst etwas zum Positiven ändern! Und wie kann der andere sich denn ändern, wenn er nicht erfährt, dass er sich ändern soll und was sich denn ändern müsste.
Was bei einem solchen Gespräch am Ende herauskommt, hängt entscheidend davon ab, wie ich in das Gespräch hineingehe. Es geht im Evangelium nicht darum, dass ich am Ende Recht bekomme. Dass ich meine Sicht durchgesetzt habe. Hören wir hin, was Jesus sagt: „Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“ Das bringt den entscheidenden Unterschied auf den Punkt. Es geht nicht darum, wer gewinnt, sondern der andere gerettet wird und die Beziehung geheilt.
Aber seien wir behutsam dabei: Nicht was man sagt, sondern wie man es sagt, macht den entscheidenden Unterschied. Franz von Sales meint dazu „Die Wahrheit muss man so lange in Liebe kochen, bis sie süß schmeckt.“ Nur eine Kritik, die spürbar von Herzen kommt, wird auch zu Herzen gehen können.
Auf diese Weise wird schon viel erreicht. Erst wenn das persönliche Gespräch scheitert, werden weitere Menschen einbezogen. So wenig Öffentlichkeit wie möglich, so viel Gemeinschaft wie nötig. Gerade Kritik braucht den geschützten Raum. In Pfarrgemeinden ebenso wie in den Familien und unter Freunden. Was kommt nichts Gutes heraus, wenn man alles sofort an die Öffentlichkeit zerrt?
Wenn man also noch zwei andere hinzuziehen soll, dann geht es nicht um Verstärkung. Es geht darum, die Kritik auf eine breitere und damit objektivere Grundlage zu stellen. Wenn wir ehrlich sind, manchmal sind wir in unserer Kritik ja auch vorschnell und auch ungerecht, weil wir den anderen nur aus unserer Sicht beurteilen. Andere sehen manches anders. Und damit sehen alle mehr.
Wenn auch das nicht hilft, soll man die Angelegenheit in der Gemeinde behandeln. Die kleinen christlichen Gemeinden konnten keine Mitglieder in ihren Reihen dulden, die sich nicht an die christliche Lehre und Moral halten wollten.
Paulus hat einmal die Kirche als den Leib Christi beschrieben, und der hat viele Glieder. Wenn ein Glied krank ist, betrifft das immer den ganzen Leib. Wer wollte das bestreiten. Jede Zurechtweisung ist so ein Heilungsversuch zum Wohle aller. Nur wenn alles nichts hilft, muss man sich trennen. Diese Exkommunikation ist schmerzhaft wie jede Amputation. Und sie ist damit auch die Ultima Ratio und kann am Ende unumgänglich werden.
Was nehmen wir mit? Als Christen sind wir eine Heilsgemeinschaft. Wir leben und glauben miteinander und füreinander. Tatenlos zuzusehen, wenn ein anderer auf Abwege gerät, käme einer unterlassenen Hilfeleistung gleich. Die Kirche soll ein Ort sein, an dem Menschen verantwortungsbewusst auch mit Kritik umgehen. Dies sollte uns leichter fallen, weil Schuld bekannt und vergeben werden kann. Beziehungen können dann neu beginnen, wenn wir die Wahrheit in Klarheit und Liebe sagen und tun.
