Magnifica Humanitas
Magnifica Humanitas
Die erste Enzyklika eines neuen Papstes ist immer ein Signal. Worum geht es dem neuen Pontifex? Was liegt ihm besonders am Herzen?
Papst Leo XIV. hat hier nicht wirklich überrascht. Schon die Wahl seines Namens war ein klares Bekenntnis zu Papst Leo XIII. Der hatte sich auf den Tag genau, am 15. Mai vor 135 Jahren bereits mit seiner Enzyklika „Rerum novarum“ zu Wort gemeldet. Und darin ein brennendes Problem seiner Zeit angesprochen: Die industrielle Revolution.
Wohl noch größer dürfte die technische Revolution werden, die sich heute in atemberaubender Geschwindigkeit abzeichnet. In seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas – Der Glanz der Menschheit“ ergreift Papst Leo, selbst studierter Mathematiker, das Wort. Und äußert sich zur Künstlichen Intelligenz. Wir alle haben schon davon gehört. Vielleicht nutzen wir schon ChatGPT.
Worum aber geht es bei KI? Eine ganz kurze Definition könnte so lauten: „KI ist die Fähigkeit von Computern, aus Daten zu lernen und intelligente Entscheidungen oder Vorhersagen zu treffen.“ Wie lernfähig ist KI und wie entscheidungsmächtig wird die Künstliche Intelligenz werden? Wird sie sich irgendwann verselbstständigen und die Intelligenz des Menschen überholen und hinter sich lassen?
Als der Papst selbst seine Enzyklika der Weltöffentlichkeit vorstellte, saß neben ihm der Kanadier Christopher Ola, 33 Jahre jung und schon Multimilliardär. Offen berichtet er von einem enormen wirtschaftlichen Druck, unter dem sich gerade die künstliche Intelligenz mit unglaublicher Geschwindigkeit entwickelt. Es brauche darum Menschen, „die genau hinschauen, die bereit sind, unangenehme Wahrheiten auszusprechen und die bereit sind, unsere aufrichtigen und besonnenen Kritiker zu sein.“
Papst Leo ist so einer. Seine Enzyklika beginnt mit einem starken Statement: „Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“
Wir erinnern uns: Mit dem Turmbau zu Babel wollte die Menschheit den Himmel erobern. Am Ende musste diese Anmaßung krachend scheitern. Übrig blieb ein verheerendes Sprachengewirr, ein heilloses Durcheinander. Das passiert, wenn der Mensch seine Grenzen überschreitet. Gott hat die Menschen eingeladen, die Welt mit ihm zu gestalten. Nicht ohne ihn.
Die Menschheit baut sich heute keinen Turm mehr, sie will zum Mars. Es geht ums All, Expansion, Perfektion, um Kontrolle von Zukunft. Da kommt die Künstliche Intelligenz gerade recht.
Der Papst fordert gleich zu Beginn dazu auf, die künstliche Intelligenz zu entwaffnen, damit sie dem Menschen nicht zum Schaden wird. Wörtlich schreibt er: „Die KI zu entwaffnen, bedeutet, sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, die heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist. Entwaffnung bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht….“
Und wo liegen nun konkret die Probleme?
KI und die Frage der Wahrheit
Künstliche Intelligenz kann die Information und damit auch die öffentliche und persönliche Meinung grundlegend beeinflussen. Bei der Flut an Nachrichten und Bildern wird es immer schwieriger, Wahres und Falsches zu unterscheiden. Es besteht die Gefahr gezielter Manipulation der Massen.
Wahrheit aber darf nicht künstlich werden. Wahrheit hat immer etwas mit Menschen zu tun, die dazu stehen. Es gibt keine künstliche Wahrheit. Jedes gelingende Gesellschaftssystem lebt davon, dass Menschen persönlich zu dem stehen, was sie sagen. Dass sie Verantwortung übernehmen.
KI – eine neue Form der Wirklichkeit?
Zweifellos besteht die Gefahr, dass sich Menschen zunehmend in virtuellen Welten bewegen. Das verändert das Bewusstsein. Und das Bewusstsein verändert das Sein. Weg vom „real-life“, hinein in virtuellen Welten. Das kann Menschen in ihrem Handeln fremdbestimmen und manipulierbar machen.
KI in der Arbeit
Wie damals die industrielle Revolution ist die KI schon längst dabei, die Arbeitswelt grundlegend zu verändern. Papst Leo betont die Verantwortung der Politik, die wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen am Gemeinwohl zu orientieren. Arbeit ist wichtig für die Entfaltung des Menschen, seine Selbstverwirklichung und auch für seine zwischenmenschlichen Beziehungen.
KI – Außer Kontrolle?
Die KI ist ein immenser Machtfaktor. Nicht nur in finanzieller Hinsicht. Der Börsengang von SpaceEx hat Elon Musk über Nacht zum Billionär gemacht hat.
KI ist auch ein Mittel zur Beeinflussung von Öffentlichkeit und eine Waffe der hybriden Kriegsführung. Wer hat diese Mittel in der Hand? Wenige Privatpersonen, Techkonzerne? Welche politischen Machthaber? Es dürfte klar sein, dass all diese Fragen von entscheidender Bedeutung sind für die internationale Sicherheit und den Frieden in der Welt.
An sich können, können Innovationen wie die künstliche Intelligenz, die Bedingungen der Menschheit zum Besseren verändern. Aber nur, wenn sie unter menschlicher Kontrolle bleiben. Was aber, wenn das nicht mehr gelingt?
Christopher Ola hat darum ein Moratorium vorgeschlagen. Mit dem Ziel, die potentiellen Gefahren von KI gemeinsam zu erörtern und zwischenzeitlich die Forschung auf diesem Gebiet auszusetzen. Das freilich macht nur Sinn, wenn sich alle daran beteiligen.
Und wo bleibt der Mensch?
Die KI kann nicht an die Stelle des Menschen treten und schon gar nicht an die Stelle Gottes. Es ist ein vermessenes Wunschdenken des Menschen, so zu sein wie Gott. Und der Traum von einem menschengemachten Leben ohne Grenzen, von einem Leben in Perfektion wird nie gelingen. KI ist nicht schöpferisch. KI berührt nicht die transzendente Welt. KI ist und bleibt, was sie ist: Künstlich.
Der Turmbau zu Babel musste am Ende scheitern. Weil es ein Projekt ohne Gott war. Gottlos. Wo kommt der Mensch ohne Gott am Ende hin? Er wird die Grenzen erweitern, aber am Ende an diesen Grenzen scheitern müssen, weil der Mensch begrenzt ist und bleibt. Endlich und sterblich. Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen. Eine digitale Selbsterlösung darf es und wird es auch nicht geben.
Damit ist das Menschenbild wichtig, das sich aus der Gottebenbildlichkeit ergibt. Der Mensch ist mehr als sein Bewusstsein. Ihm wohnt eine unantastbare Würde inne, eine unsterbliche Seele, die gottgewollt und gottfähig ist.
Papst Leo würdigt die Chancen der KI. Aber er betont auch, was sie nie ersetzen kann und darf: die mitmenschliche Zuwendung, die mitmenschliche Gemeinschaft und den zwischenmenschlichen Dialog. KI kann das menschliche Denken nicht ersetzen, nicht unser Fühlen, unser Tun und Lassen. Nicht unser Herz. Und das Herz ist die Mitte des Lebens. Es hat schon lange zu schlagen begonnen, ehe das Denken beginnt.
Die Welt der KI muss menschlich gestaltet werden, damit sie nicht kalt und künstlich bleibt und am Ende gefährlich wird, sondern dem Menschen hilft, die Welt menschlicher zu machen, im Sinne Gottes, der sie uns anvertraut hat. Amen.
Fürbitten
Guter Gott,
Du hast den Menschen wenig geringer gedacht und gemacht, als Du selbst bist. Du nimmst uns mit in die Verantwortung für Welt und Mensch. Deshalb bitten wir Dich:
Für alle, die in Forschung und Technik tätig sind, dass sie sich möglicher Gefahren eines Missbrauchs neue Möglichkeiten bewusst sind.
Für alle, die unter einer wachsenden Technisierung und Automatisierung leiden, weil Menschlichkeit verloren geht.
Für alle, die zunächst vom Hirn her denken und oft zu spät ihr Herz einschalten.
Für uns, dass wir uns einsetzen für Deine Bleiberecht in unserer Mitte, denn ohne Dich sind wir am Ende verloren.
Guter Gott, Du bist der Anfang und Du bist auch die Vollendung. Bleibe bei uns, denn wir brauchen Dich. Amen.
