Ostern für Zweifler
Zu dieser Predigt ist keine Tonaufnahme verfügbar
Ostern für Zweifler
Gedanken zum 2. Sonntag der Osterzeit
Werden Sie gerne überredet? Manchmal sind es Vertreter, die einen Vertrag abschließen wollen. Und manchmal gelingt es ihnen auch. Überredet. Und dann wartet man bis zur nächstbesten Möglichkeit, den Vertrag wieder zu kündigen. Und da gibt es Menschen, die einem partout ihre Meinung aufdrängen wollen. Und man ist heilfroh, wenn sie wieder verschwinden…
Genauso hätte es mit Ostern laufen können. Man hätte den Menschen von Ostern so etwas wie „Auferstehung“ so lange einreden können, bis sie endlich „Ja und Amen“ dazu sagen. Aber was hätte es am Ende gebracht? Nichts! Irgendwann wären doch Zweifel gekommen. Denn so etwas wie die Auferstehung eines Toten ist an sich ja schon unglaublich, oder?
Und schlussendlich muss der Oster-Glaube am Ende ja auch halten, was er verspricht. Spätestens, wenn wir am Grab eines gliebten Menschen stehen oder spüren, dass wir selbst nicht mehr lange zu leben haben…
Darum fängt Ostern auch so ganz anders an. Ostern sucht sich seinen Zugang ganz behutsam, Ostern überrumpelt nicht. Ostern lässt Zeit: 50 Tage Osterzeit – bis Pfingsten. Zehn Tage mehr Zeit sind damit der Nachbereitung von Ostern geschenkt. Aber Ostern braucht wohl unsere ganze Lebens-Zeit… Machen wir also mit Ostern keinen kurzen Prozess. Gehen nicht gleich wieder zur Tagesordnung über.
Zeit brauchten schließlich auch die Menschen damals am ersten Ostermorgen, der noch eher einem Morgengrauen entsprochen hat. Gejubelt jedenfalls hat anfangs niemand. Vielmehr war es eine ganz eigene Gemengelage an Gefühlen, wie sie uns auch heute im Angesicht des Todes oftmals begegnet. Da sind die trauernden Frauen, die das leere Grab in eine noch tiefere Ratlosigkeit stürzt; da ist Maria von Magdala, die mit ihren verweinten Augen den auferstandenen Herrn aufs erste für den Gärtner hält. Die Jünger hatten sich verbarrikadiert aus Furcht im Abendmahlsaal. Zwei andere Jünger haben wir am Ostermontag auf ihrem Trauermarsch nach Emmaus begleitet. Und heute kommt noch der ganze Zweifel des Thomas dazu. Und das acht Tage danach!
All das sind menschliche Reaktionen. Und sie sind nur zu verständlich. Seien wir den Evangelisten dankbar, dass sie uns die Anfangsschwierigkeiten mit Ostern nicht verschwiegen haben. Schon zuvor hatten sie ja auch die Verleugnung durch Petrus und den Verrat des Judas -immerhin zwei berufene Jünger- nicht vertuscht. Das macht die Evangelien echt glaubwürdig.
Heute, begegnen wir in Thomas einem Jünger, der noch immer nicht Ostern gefeiert hat. Vielmehr steckt er voller Zweifel. Kann man es ihm verübeln? Hätten wir an seiner Stelle den Jüngern geglaubt? Geglaubt, dass ein Toter wieder lebt, weil Gott ihn von den Toten auferweckt haben soll?! Zweifel sind menschlich angebracht und christlich erlaubt. Ostern ist ja nicht über alle Zweifel erhaben.
Worauf es dann aber ankommt: wie der Mensch mit seinen Zweifeln umgeht. Allzu leicht kann Zweifel mit einem schnellen Achselzucken abgetan werden. Nach dem Motto „Glaube heißt, nichts wissen…“ ist die Frage nach Ostern für viele schnell erledigt.
Der Zweifel des Thomas ist von anderer Qualität. Ostern lässt ihn nicht mehr in Ruhe. Seine Zweifel treiben ihn um und am Ende geradewegs dem Auferstandenen in die Arme. Der Zweifel ist für Thomas zu einem wahren Motor des Glaubens geworden. Einmal mehr gibt Jesus „Nachhilfe-Unterricht“ im Glauben und lässt sich begreifen. Er hält dem Zweifel des Thomas seine Wunden hin. Was für eine liebevolle Offenheit Jesu für den Zweifel des Menschen! Ob Thomas wirklich seinen Finger in die Wunden gelegt hat? Thomas war berührt und Jesus hat sich berühren lassen. Und das Herzensbekenntnis des Thomas kennt dann keinen Zweifel mehr: „Mein Herr und mein Gott!“
Thomas ist heute unser glaubwürdigster Osterzeuge! In einer Zeit, die alles begreifen und in den Griff bekommen will, spüren wir wohl alle, wie wichtig Thomas für uns ist?! Thomas zeigt uns heute, wie ein Mensch trotz -oder gerade auf Grund- seiner Zweifel zum Glauben gelangen kann.
Aus Thomas ist noch viel geworden. Sieben christliche Kirche in Indien führen sich auf seine Gründung zurück und bezeichnen sich als Thomaschristen. Und im Nag Hamadi in Ägypten wurde das nach ihm benannte Thomas-Evangelium entdeckt. Es ist eine Sammlung von Jesusworten –ein Zitatenschatz sozusagen- aus dem Jahre 70 nach Christi Geburt. Vierzig Jahre nach seiner Auferstehung…
Wir feiern heute auch den Sonntag der Barmherzigkeit. Eines der sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit ruft uns dazu auf, Zweifelnden zu raten. Wie das gut gehen kann, können wir im heutigen Evangelium ablesen. Nicht, indem wir andere überreden, sondern indem wir auf sie warten, wie Jesus auf Thomas gewartet hat. Und ihrem Zweifel verständnisvoll entgegenkommen. Thomas ist wieder gekommen – und der Herr auch. „Wer suchet, der findet!“ Nicht aus theoretischen Diskussionen, sondern allein aus der lebendigen Begegnung mit dem Herrn erwächst der Glaube, dass Jesus lebt. Gerade das ist die Botschaft vom leeren Grab: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?!“ Jesus finden wir mitten im Leben- wenn wir Ihn suchen.
Damals kam ein Thomas zum Glauben in der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, dem österlich verklärten Christus. Heute kommen Menschen hoffentlich zum Glauben in der Begegnung mit österlich verklärten Christen. Beten wir darum, dass es uns gelingt, Menschen in der Begegnung mit uns auf ihn, Jesus Christus, aufmerksam zu machen, empfänglich für Ostern. Empfangsbereit für den Auferstandenen! Amen.
Fürbitten
- Osterzeit ist Begegnungszeit. Wir denken an uns und daran, welchen Beitrag wir leisten können für eine österlich- lebensfrohe Stimmung in unserer unmittelbaren Umgebung.
- Acht Tage nach Ostern begegnen wir dem Zweifel des Thomas. Wir beten für Menschen, die sich mit dem Glauben schwertun, die glauben möchten, aber nicht glauben können.
- Wir begehen den Sonntag der Barmherzigkeit und beten für alle, die unbarmherzig behandelt werden und für all jene, die versuchen im Sinne der göttlichen Barmherzigkeit ihren Beitrag zu leisten für eine menschliche Welt.
- Am kommenden Sonntag werden 34 Buben und Mädchen zum ersten Mal an den Tisch des Herrn eingeladen. Wir freuen uns mit ihnen und wir bitten für sie und uns, dass wir für das Geschenk der Eucharistie dankbar und empfänglich bleiben und aus dieser inneren Gemeinschaft mit Dir zuversichtlich leben.
- Wir sind verbunden mit allen Menschen guten Willens, die nach Wegen des Friedens suchen in einer durch Terror und Krieg bedrohten Welt.
