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Was wäre für Sie das größte Unglück?

Was wäre für Sie das größte Unglück?
Gedanken zum Fest Kreuzerhöhung

„Was wäre für Sie das größte Unglück?“ Auf genau diese Frage hat Otto von Habsburg einmal geantwortet: “Wenn ich meinen Glauben verliere.“ Eine andere Antwort lautet so: „Das größte Unglück für mich ist, nicht verstanden zu werden.“ Gegeben von einem Kartäusermönch. Wie kommt ausgerechnet ein Kartäusermönch, der doch aus Berufung im Schweigen lebt, zu dieser Antwort? Aber dann habe ich doch verstanden: Es geht ihm um ein Verständnis dafür, wie er lebt. Und wofür er lebt. Wollen wir das nicht alle: verstanden werden! Vielleicht würde Jesus, der Sohn des lebendigen Gottes, ebenso antworten und sagen: „Mensch, das größte Unglück für mich ist, dass du mich nicht verstehst.“

Wie schwer tun sich viele Menschen damit, den Sohn Gottes zu verstehen. Da macht selbst Petrus keine Ausnahme: Der hatte Jesus zwar erkannt und bekannt: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Jesus wird ihm daraufhin sagen: „Und du bist Petrus. Und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Als Jesus aber dann hinzufügt, dass er nach Jerusalem hinaufmüsse, um dort zu leiden. Dass er gekreuzigt werde und am dritten Tage wieder auferstehe, bröckelt der Fels und Petrus protestiert: „Das soll Gott verhindern! Das darf nicht geschehen.“

Eines dürfte klar sein: Wenn wir Jesus wirklich verstehen wollen, müssen wir herausfinden, worum es ihm geht. Was er will und nicht, was wir von ihm wollen. Und was Jesus will, das sagt er in aller Offenheit: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat und sein Werk zu Ende zu führen“. Jesus wollte am Ende das Kreuz auf sich nehmen, weil sein Vater es wollte. Und darum konnte er es auch. „Dein Wille geschehe.“ Niemand hat diese Gebetsbitte des Vaterunsers so ernst genommen wie Jesus selbst, der uns dieses Gebet gelehrt hat.

Und dennoch: Am Kreuz scheiden sich seit jeher die Geister. Schon Paulus macht deutlich, auf wieviel Unverständnis er damit in seiner Verkündigung gestoßen ist: „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft“.

Das Kreuz ist, was es ist: das Erkennungszeichen von uns Christen. Darum bekreuzigen wir uns schließlich auch. Aber wie lässt sich das Kreuz nun verstehen? Das Kreuz ist zunächst keine Glaubenssache, sondern eine Tatsache. Die harte Realität des Menschen. Ob das eine Einschränkung im Leben ist, ein Problem, das belastet. Eine Krankheit, mit der wir leben müssen oder ein Fehler aus der Vergangenheit, der uns nachgeht… Pater Rupert Mayer bringt es auf den Punkt: „Am Kreuz kommt niemand vorbei.“ Und ein Kreuz ist mein Kreuz. Damit kommt alles darauf an, ob ich es annehmen kann und wie ich damit umgehe.

Dabei will uns Jesus helfen. „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt, ich will euch Ruhe verschaffen.“ Weil das so ist, sehen wir ihn, Jesus, vor uns am Kreuz. Erhöht, damit er uns besser sehen kann und wir ihn. Er sagt uns, was so heilsam ist: „Dein Kreuz ist mein Kreuz. Ich helfe dir tragen.“ Aber das kann er nur, wenn wir offen und ehrlich erkennen, woran wir im Leben tragen und es dann auch hintragen zu ihm.

Vor 501 Jahren hat das Heilige Kreuz den Weg zu uns nach Biberbach gefunden. Man hatte das Kreuz zwar in der Kirche aufgehängt. Aber Christus am Kreuz hängen lassen. So konnte er aber leider nicht wirken. Erst als Pfarrer Antonius Ginter die Menschen gewinnen konnte, zum Kreuz zu gehen und ihm das eigene Kreuz ans Herz zu legen, erst dann konnte Jesus wirken und zu dem werden, was er heute für so viele ist: Unser liebes Herrgöttle in Biberbach.

Jesus nimmt uns das Kreuz nicht einfach ab. Er hilft es mittragen, damit es erträglicher wird. Diese Erfahrung hat er doch selbst gemacht auf seinem Kreuzweg: Simon von Zyrene hat Jesus das Kreuz auch nicht abgenommen, aber er hat es mitgetragen. So konnte Jesus den Weg der Erlösung gehen. Und Simon von Zyrene hatte so Anteil an der Erlösung. Und so wurde Simon von Zyrene Erlösung zuteil.

Nichts bringt uns Jesus näher als das Kreuz. Sein Kreuz und mein Kreuz gehören zusammen. Darum sagt Jesus auch: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“. So, und nicht anders kommen wir Jesus auf die Spur. Haben wir ihn verstanden?

Wir werden Jesus nie verstehen, wenn wir nicht auch sein Kreuz verstehen. Jesus hat das Kreuz ganz bewusst in sein Lebensprogramm aufgenommen, weil es zum Leben des Menschen gehört.

Wenn wir das verstanden haben, werden wir besser erkennen, wo Menschen neben uns ein Kreuz zu tragen haben. Darum geht es bei Jesus, darum geht es auch für uns: dass wir bereit sind mitzutragen am Kreuz anderer. Dafür gibt uns Jesus auch allen guten Grund: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde“. Und hat Jesus nicht recht! Die Liebe geht viele Wege mit. Wieviel Kraft wird plötzlich spürbar, wenn wir anderen beistehen, die ein schweres Kreuz zu tragen haben, weil wir sie lieben.

Ich frage mich: Was wäre, wenn wir sein Kreuz nicht hätten. Es blieben ungezählte Kreuze der Menschen unerlöst stehen. Genau darum dürfen wir sein Kreuz nicht abhängen. Ganz im Gegenteil! Wir feiern das Fest Kreuzerhöhung.

„Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“. Dafür steht unser Heiliges Kreuz in Biberbach. Unser Heiland hängt ja nicht am Kreuz. Jesus steht zum Kreuz des Menschen. Und er sieht uns von weitem, wenn wir zu ihm kommen. Er hat schon längst auf uns gewartet. Er schaut nicht auf uns herab. Wir dürfen vielmehr aufschauen zu ihm. Allein schon das tut gut und befreit von vielem, was uns immer wieder bedrückt.

Die Votivtafeln erzählen davon bis heute: „Mein Glaube hat mir geholfen!“ Das ist nicht von gestern. Das Herrgöttle wirkt auch heute. Bitten und Dank, die wir jetzt gleich ins Gebet nehmen, sind ein lebendiger Beweis dafür. Amen.

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